Schluss mit Ammenmärchen: Sätze, die Tragemamas nicht mehr hören wollen [Teil 2]

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Baby verwöhnen durch tragen ammenmärchen

In Teil 1 von Schluss mit Ammenmärchen haben wir ausführlichst geklärt, dass auch Tragekinder laufen lernen. [Sorry für den Spoiler, falls du es noch nicht gelesen hast.] In Teil 2 soll es ums Baby verwöhnen durch tragen gehen. Und um die schlimmen Tyrannen, die wir uns angeblich heranzüchten, weil wir darauf eingehen, wonach unser Baby verlangt.

Hast du vielleicht auch schon mal einen dieser Sätze gehört?

  • Du trägst dein Baby ja die ganze Zeit – hast du keine Angst, dass es dir später auf der Nase herumtanzt?“ oder
  • Legst du dein Baby eigentlich auch mal ab? Du verwöhnst es viel zu sehr!

Schon beim Tippen des letzten Satzes merke ich die Wut. Wut darüber, dass sich dieses alte Halbwissen über Babys und ihre Bedürfnisse immer noch wacker hält. Dass wir (Trage)Mamas uns solche Sätze tatsächlich immer noch anhören müssen.

Das soll endlich aufhören!

Wir schauen uns in diesem Artikel also an, ob man ein Baby durchs Tragen tatsächlich in irgendeiner Weise verwöhnen kann.

Achtung – noch ein Spoiler: Nein, kann man nicht. Sowas von nicht.

Inhaltsübersicht

Trage-Ammenmärchen #2: Du verwöhnst dein Baby durchs Tragen

Zuallererst möchte ich nochmal deutlich machen, dass wir hier von Babys sprechen. Nicht von einem Drittklässler oder 14-jährigen Teenager, der keine Lust mehr hat zu laufen und einen filmreifen Aufstand macht, weil seine Mama ihn nicht tragen möchte.

Wir reden hier von Babys, genauer gesagt Säuglingen.

  • Also Individuen, die von Mama oder Papa getragen werden, weil sie darauf angewiesen sind, um von A nach B zu kommen. Auch weil das Tragen ihnen die notwendige Nähe und Geborgenheit gibt, die sie so dringend brauchen.
  • Kleine Wesen, die noch nicht von selbst zu uns kommen können, um sich den Körperkontakt, den sie gerade brauchen, zu holen. Die getragen werden wollen, um sich sicher zu fühlen.

Was bedeutet überhaupt VERWÖHNEN?

Onkel Duden gibt für das Verb VERWÖHNEN zwei Bedeutungen an.

  1. Nummer eins – die negative Variante – sagt: verwöhnen heißt, jemanden durch zu große Fürsorge und Nachgiebigkeit in einer für ihn nachteiligen Weise daran gewöhnen, dass ihm jeder Wunsch erfüllt wird. Es werden auch Beispiel angegeben: sie hat ihre Tochter verwöhnt, sein Sohn ist maßlos verwöhnt, verwöhnte Kinder. Hier wird schon deutlich, dass das genau die Bedeutung ist, um die es auch bei unserem Ammenmärchen geht.
  2. Die zweite Bedeutung lässt das Verb positiv verstehen: durch besondere Aufmerksamkeit, Zuwendung dafür sorgen, dass sich jemand wohlfühlt. Beispiele sind: seine Braut [mit Geschenken] verwöhnen, er lässt sich gern von seiner Frau verwöhnen.

Als Synonyme werden übrigens nur negative Verben angegeben: überbehüten, verweichlichen, verziehen; (umgangssprachlich) verkorksen. Auch hier ist wieder nur der Kontext zu Kindern gemeint. [Stell dir nur mal kurz vor, wir hätten solche Assoziationen im Kopf, wenn ein Wellness-Hotel damit wirbt, dass man sich dort richtig verwöhnen lassen könne. Das wär doch lächerlich.]

Ist es nicht interessant, dass die positive Deutung nur mit Erwachsenen assoziiert wird – die negative nur mit Kindern? Warum existiert die negative Seite dieses Wortes nur im Kinder-Kontext? Zeigt das schon das grundsätzliche Problem unserer (kinderfeindlichen) Gesellschaft?

Ein Baby durch Tragen verwöhnen: Das geht doch gar nicht

Wenn wir uns nur mal klar machen, dass ein Baby ein Mensch ist, der noch nicht in der Lage ist, sich selbst in Sicherheit zu bringen, sich gescheit fortzubewegen, sich selbst zu versorgen oder zu pflegen.

Ein kleiner Mensch, der vollumfänglich von einer Bezugsperson abhängig ist, die ihn liebevoll umsorgt und am Leben hält.

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Wie kann man jemanden mit etwas verwöhnen, wenn man ihm etwas gibt oder ihn bei etwas unterstützt, was er sich selbst noch nicht nehmen kann oder wozu er (noch) nicht in der Lage ist? Ich dachte, das hieß früher mal Fürsorge oder Hilfe.

Allein wenn man diese Punkte mal ernsthaft durchdenkt, fragt man sich wirklich, wie solches Geschwätz übers Tragen entsteht.

Schauen wir uns das näher an.

Woher kommt das Geschwätz, dass man sein Baby durchs Tragen verwöhnt?

Der Generationenunterschied

Mir fällt da eigentlich nur eine Sache ein: der Unterschied zwischen den verschiedenen Generationen.

  • Alte Glaubenssätze und
  • Erziehungspraktiken sowie
  • längst überholtes Wissen darüber, was ein Baby wirklich braucht und warum es sich so verhält, wie es das eben tut, sind fest verankert in den Kriegsgenerationen und auch der Generation danach. Also in unseren Großeltern und Eltern.

Meistens gehören die Menschen, die solche Ammenmärchen verbreiten genau zu diesen Generationen. Der Grund ist dann meistens schlicht und einfach: Weil sie es nicht besser wissen, es so gelernt und am eigenen Leib erfahren haben.

Für starke Lungen und gehorsame Soldaten

Früher (zu Zeiten des Dritten Reiches) war das Schreienlassen dringend empfohlen, weil es die Lungen kräftige. Außerdem sollten die Kinder nicht verweichlicht werden, damit sie gute Soldaten abgeben. Ein liebevolles und direktes Reagieren auf ein Babyweinen sollte daher unbedingt vermieden werden.

Solche und andere menschenunwürdigen Tipps wurden tatsächlich in damaligen Ratgebern verbreitet. Allen voran von Dr. Johanna Haarer. Eine Frau, eine Lungenärztin, die über Säuglingspflege schreibt, obwohl sie keinerlei Ausbildung in Pädiatrie und kaum Erfahrung im Umgang mit Babys hatte. Ihre auflagenstarken Erziehungsratgeber waren eng mit dem Nationalsozialismus verknüpft und enthielten typische NS-Propaganda.

Ihre Schriften wurden begeistert gelesen und verbreitet. Sie dienten unter anderen sogar als Grundlage für die Reichsmütterschulung und das Fach Säuglingspflege des BDM (Bund Deutscher Mädel – das weibliche Pendant zur Hitlerjugend).

Zum Umgang mit kindlichen Gefühlsäußerungen schrieb Haarer zum Beispiel:

 „Dann, lie­be Mut­ter, wer­de hart! Fan­ge nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett her­aus­zu­neh­men, es zu tra­gen, zu wie­gen, zu fah­ren oder es auf dem Schoß zu hal­ten, es gar zu stil­len. Das Kind begreift unglaub­lich rasch (…). Nach kur­zer Zeit for­dert es die­se Beschäf­ti­gung mit ihm als ein Recht, gibt kei­ne Ruhe mehr, bis es wie­der getra­gen, gewiegt oder gefah­ren wird – und der klei­ne, aber uner­bitt­li­che Haus­ty­rann ist fertig.”

Johanna Haarer – Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Ich bekomme Gänsehaut, wenn ich das lese.

Was ein Ratgeber voller Halbwissen und Parolen anrichten kann

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Haarers Buch Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind erschien erstmals 1934 und wurde nach dem Krieg – wenn auch ohne NS-Terminologie – sogar wieder aufgelegt. So hat es die Kriegs- und Nachkriegsgenerationen stark beeinflusst und vielen Kindern großes Leid zugefügt.

Das ist genau das, was wir heute noch spüren – sagen Bindungsforscher.

„Ein besonders perfider Aspekt von Haarers Erziehungsphilosophie könnte sogar von Generation zu Generation weitergegeben worden sein: Um sie zu guten Soldaten und Mitläufern zu machen, forderte das NS-Regime Mütter dazu auf, die Bedürfnisse ihrer Babys gezielt zu ignorieren. Sie sollten emotions- und bindungsarm werden. Wenn eine ganze Generation systematisch dazu erzogen worden ist, keine Bindungen zu anderen aufzubauen, wie kann sie es dann ihren Kindern oder Enkelkindern beibringen?“

Spektrum

Wir merken das heute noch durch zum Beispiel Konflikte mit unseren Eltern und Großeltern hinsichtlich der Kindererziehung. Oder durch solche kleinen, aber mit tiefem Schmerz verbundenen Äußerungen wie Du verwöhnst dein Baby zu sehr. Da steckt oftmals so viel mehr dahinter.

Das hier angesprochene Ammenmärchen ist nur eins der schrecklichen Überbleibsel, was jahrzehntelang gelehrt wurde. Erst in den späten 80er Jahren wurde Haarers Buch vom Markt genommen.

Viiiiel zu spät, wie wir heute sehen.

Die verkauften Exemplare schlummerten aber auch danach noch bei den Besitzerinnen – und wurden sicher auch weitergegeben. Sogar heute noch findet man gebrauchte Exemplare zum Weiterverkauf dazu im Internet – je nach Ausgabe für gut über 100 €. Gratis lesen kannst du das Schandblatt hier.

Wenn du mehr zu dieser grausamen Mütter-Bibel und ihren Folgen lesen möchtest, gibt es ein lesenswertes Generationengespräch dazu.

Heute weht zum Glück wieder einer anderer Erziehungswind.

Aber auch wenn neue Eltern heute mehr auf ihre Kinder eingehen, es um ein bedürfnis- und bindungsorientiertes Miteinander geht, liegt der alte, düstere Erziehungsschleier noch in der Luft. Und es ist ein Kraftakt – sowohl mit der teilweise kinderunfreundlichen Gesellschaft als auch leider manchmal mit den eigenen Eltern und Großeltern – diesen endlich zu vertreiben.

Was können wir gegen dieses Ammenmärchen tun?

Aufklären – wie auch schon in Teil 1. Lass uns anschauen, warum es gar nicht möglich ist, dass man ein Baby im ersten Jahr durchs Tragen verwöhnt.

Lass uns das Ammenmärchen klein reden, damit auch dieses endlich ausgeräuchert wird.

Also los, wir liefern dir und allen Kommentargebern da draußen jetzt mal ein paar Argumente gegen die Aussage: Du verwöhnst dein Baby zu sehr.

Gegenargumente: Warum du dein Baby nicht verwöhnst

Wissenschaft & Studien

Heute weiß man dank der Wissenschaft, dass ein Baby keine Schreiübungen braucht. Durch den ersten Schrei – den ersten Atemzug – des Babys nach der Geburt kommt Sauerstoff in die Lungen und die Lungenbläschen entfalten sich. Damit ist die Lunge freigesetzt und kann sich selbstständig weiterentwickeln.

Durch Studien weiß man außerdem, wie schädlich eine fehlende liebevolle Zuwendung für Babys ist und dass ein Baby nur durch Weinen oder Schreien mitteilen kann, dass etwas nicht stimmt. Es teilt uns dadurch mit, dass es dringend etwas braucht. Es ist sogar überlebenswichtig, dass seine Bezugspersonen darauf reagieren. Und zwar mit Fürsorge und Nähe – nicht mit Ignoranz. Denn das stärkt die Eltern-Kind-Bindung ungemein. Babys bekommen dadurch größeres Urvertrauen.

Noch ein Argument: Hast du gewusst, dass ein Baby von Natur aus ein Tragling ist? Kein Schiebling, kein Liegling. Ein Tragling – sogar ein aktiver Tragling. Dein Gegenüber wusste das vielleicht auch nicht. Ein Tragling zu sein, heißt, es ist das normalste der Welt für ein Baby, getragen zu werden. Dafür sprechen seine körperliche Entwicklung, seine Reflexe und seine Bedürfnisse nach Nähe und Geborgenheit.

Warum sich ein Baby oft nicht ablegen lässt und warum es das nicht lernen muss und auch gar nicht kann – dazu haben wir schon einen ausführlichen Artikel auf unserem Blog veröffentlicht. Lies unbedingt dort weiter, wenn dich das interessiert.

Das Praktische an einer Babytrage

Auf die Bedürfnisse eines Babys mit Liebe zu reagieren, heißt, es hochzunehmen, es zu wiegen, zu trösten und ihm zu geben, was es braucht. Und das heißt zum Beispiel auch, dass man es trägt. Entweder auf dem Arm, wenn es die Nähe nur kurz benötigt oder eben in einer Babytrage, wenn es den Körperkontakt länger oder dauerhaft braucht.

Warum auch nicht? Praktischer kann’s doch nicht sein. Mit einem zufriedenen Baby vor der Brust, was die ganze Zeit bei dir ist, hast du ganz andere Freiheiten. Keiner muss es aushalten, sein Kind mehrere Stunden auf dem Arm durch die Gegend zu schleppen. Da sind Rückenschmerzen und Frust vorprogrammiert.

Dein Baby lässt sich nicht ablegen? [Das ist übrigens ganz normal und ein Ur-Instinkt. Lies hier mehr dazu.] Dann lass es einfach in der Trage und nimm es mit. Du kannst alles auch mit deinem Baby an dir erledigen. Dafür wurden Tragen erfunden.

Trag‘ dein Baby – so viel du willst!

Der Nutzen des Tragens ist den Ammenmärchenverbreitern vielleicht auch gar nicht bewusst. Umso wichtiger, dass wir es hier nochmal schwarz auf weiß schreiben:

Tragen ist praktisch, bedeutet Liebe und führt zu deutlich mehr Mobilität und Flexibilität. Tragen mit Babytrage heißt Hände frei haben und den herausfordernden Alltag mit Baby trotzdem bewältigen zu können.

Das muss nur noch in den Köpfen vieler (traumatisierter) Erwachsener ankommen. Das ist das Schwierige.

Weitere Gründe fürs Tragen kannst du auch gern nochmal hier nachlesen: Nähe und Bindung durch Tragen

Wenn nochmal jemand sagt, dass du dein Baby verwöhnst, hast du jetzt genügend Gegenargumente. Du kannst auch den Duden zitieren und gern einfach mal die zweite, positive Deutung des Verbes entgegenbringen: Also dass du durch besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung dafür sorgst, dass sich dein Baby wohlfühlt. Was kann daran falsch sein?

Wenn dein Gegenüber dann noch Angst hat, dass sich dein Baby daran gewöhnen könnte und es womöglich niemals Laufen lernt, dann hau ihm gern direkt den ersten Teil unserer Ammenmärchenserie um die Ohren. 😀

So, ich muss jetzt einen Punkt machen. Das war das emotionsgeladene Ammenmärchen #2.

Eure Isabel
Viva la Mama Shop Managerin und Zertifizierte Trageberaterin

AUTORIN

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